Wanne-Eickel-Historie


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Die Geschichte des Flugplatzes Wanne-Herten

Gebäude

Der Traum vom großen Airport


Die Rheinisch-Westfälische Flug- und Sportplatz Gesellschaft m.b.H., einst der Stolz des Amtes Wanne, der Gemeinde Herten und der Stadt Herne sollte ein unrühmliches Ende nehmen und hätte sich zu einem Skandal für alle Beteiligten ausgeweitet, wenn nicht der erste Weltkrieg mit seinem furchtbaren Ausgang alles überschattet hätte, heißt es in den Aufzeichnungen die Heimatfreund Dietrich Rodenbeck.

Wo einst der Bauer Schmauck den Boden pflügte, wo der hohe Schonstein der Ruhrgas AG immer wieder Rauchfahnen vom Winde zerflattern lässt, da befand sich das Flugplatzgelände. Verschwunden ist die transportable Ballonhalle, die Flugzeughallen, die Werkstätten und der vier Kilometer lange Bretterzaun, er wurde abgebrochen und als Kleinholz verheizt.




Zur Gründung des Rheinisch-Westfälische Flug- und Sportplatz Gesellschaft m.b.H. war es gekommen, nachdem Friedrich Weiberg, Amtmann des Amtes Wanne, ein Parseval Luftschiff am 20. Juni 1911, unter dem brausenden Jubel der Bevölkerung, auf Thüers Wiese, (wo sich der Stichkanal befand) einem Gelände in Wanne landen ließ. Um das Luftschiff zu sichern, wurde extra ein Fahrgestell eines Wagens eingegraben, das als Anker diente. Die Freiwillige Feuerwehr stellte die Haltemannschaft.

Zwei Zeitzeugen, Auguste Spanier und Christian Grommes berichten aus eigener Anschauung wie folgt:

"An diesem Tage glich Wanne einem Ameisenhaufen. Es war ein Sonntag im glühendheißen Sommer 1911. Frau Spanier weiß es noch ganz genau, Kind und Kegel pilgerten zum Landungsplatz. Damen mit "Blumenbeeten" auf dem Hut warteten im hohen Gras, im Kornfeld oder auf der Wiese der Gaststätte Thüer. Männer der Freiwilligen Feuerwehr Bickern-Wanne hielten an den Tauen das gelandete Luftschiff. Christian Grommes war einer von ihnen. "Wir besichtigten zuerst die freihängende Gondel. Über Nacht hielten wir Wache. Niemand durfte näher heran. Wegen Feuersgefahr. Es durfte auch nicht geraucht werden."


Das erste Parseval Luftschiff landete im Sommer 1911 auf einem Gelände in Wanne.







Im Gegensatz zu den Zeppelinen hatten die Parseval Luftschiffe keine starre Hülle, waren also eigentlich lenkbare Ballons.

Um seine Vision eines Flugplatzes zu verwirklichen stellte am 24. Februar 1912 Amtmann Weiberg in seinem Namen und im Auftrage der Gemeinden Wanne und Herten in zwei Schreiben, eins an das "Rheinisch-Westfälische Motor-Luftschifffahrt-Gesellschaft e.V." und das andere an den "Niederrheinischen Verein für Luftschifffahrt" den Antrag auf Herbeiführung einer Konzession für einen Flugplatz.

Die seiner Zeit stürmische Begeisterung der Bevölkerung für das aufkommende Flugwesen nutzte Friedrich Weiberg aus, um gemeinsam mit der Stadt Herne, der Gemeinde Herten und einigen Privatpersonen, die Rheinisch-Westfälische Flug- und Sportplatz Gesellschaft m.b.H. Wanne-Herten zu Gründen. Ein Aufsichtrat wurde gewählt und ein Geschäftsführer bestellt. Vorsitzender des Aufsitzrates wurde ihr "Visionär", der damalige Beigeordnete und spätere Amtmann des Amtes Wanne, Friedrich Weiberg. Weiterhin gehörten folgende Herren dem Aufsichtsrat an:
Hermann Hans Waldemar Herwarth von Bitterfeld, die Herren Halensee aus Berlin, Rose und Schalk aus Wanne, von Kleinsorge, Echtermeyer, Busch, Volmer und Graf Droste zu Vischering von Nesselrode-Reichenstein aus Herten, Dr. Büren und Dr. Sporleder aus Herne, Zimmermann aus Unser Fritz und Arthur Müller aus Charlottenburg. Geschäftsführer wurde Herr Heckmann aus Herten.

Das Gründungskapital brachten die Gemeinden Wanne und Herten, die Stadt Herne, der Graf von Nesselrode-Reichenstein, Direktor Müller aus Charlottenburg, Hauptmann Hermann Hans Waldemar Herwarth von Bitterfeld so wie die Hülsmann Brauerei in Eickel auf.

Der "schlossartige" Haupteingang zum Flugplatz Wanne-Herten im Jahre 1912. Das fast quadratische Flugplatzgelände von 1.050 lang und 950 Meter breit, machte damals großen Eindruck.

Vor der Tribüne versammelten sich die Arbeiter
zum Gruppenfoto. Die Aufnahmen entstand im Jahre 1912.


Der Flugplatz mit Tribüne, auf den 1 000 Menschen Platz fanden, ein Restaurant sowie Flughalle und eine 100 Meter lange, 35 Meter breite und 30 Meter hohe transportable eiserne Ballonhalle wurden erstellt. Ferner wurde ein Luftschiff der P-Klasse mit allem Zubehör zum
Preise von 392 369,54 Goldmark in Bitterfeld bestellt.

Das Flugplatzgelände lag im Hertener Süden und sollte eine Fläche von 380 Morgen, die später bis auf 1000 Morgen erweitert werden konnten, umfassen. Im Süden wurde das Gelände von der Emscher und dem Kanalhafengelände, im Westen und Osten durch zwei Straßen, von der die heutige Recklinghauser Straße und im Norden durch einen Waldweg zwischen beiden Straßen eingegrenzt. Das Gelände wurde auf die Dauer von 30 Jahren angepachtet. Die Gemeinden verpflichteten sich, das Gelände binnen drei Monaten betriebsfertig zu machen und den Platz mit einem Bretterzaun umzäunen zu lassen.




Das Gelände hatte eine zentrale Lage und konnte von Wanne, Herne und Herten, von Hochlarmark und Recklinghausen und den benachbarten Orten bequem auf gut ausgebauten Straßen erreicht werden. Vom Bahnhof Wanne aus, war der Flugplatz mit der Straßenbahn in 15 Minuten zu erreichen. Die Straßenbahnfahrt mit der Linie 1 vom Bahnhof Wanne bis zum Flugplatz kostete 15 Pfennig.
















Inserat des Wanner Verkehrsverein von 1913.

Am ersten Pfingstfeiertag 1912 war es dann soweit. In Anwesenheit der Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen konnte der Flugplatz seiner Bestimmung übergeben werden. Gleichzeitig taufte sie das dort stationierte Luftschiff P.L. 12, das nach den Plänen von August von Parseval gebaut wurde, auf ihren Namen. Das 8000 Kubikmeter fassende Luftschiff hatte eine Eigengeschwindigkeit von 16 Meter in der Sekunde und war später immer wieder Anziehungspunkt für die Bevölkerung.

Die Montage der transportablen eisernen
Ballonhalle im April 1912.

Parseval Luftschiff im Emscherbruch Pfingsten 1912.
An diesem Tag erhält es den Namen Charlotte.

Ein Zeitzeuge, Dr. Julius Friedrich berichtet aus eigener Anschauung wie folgt:

"Pfingsten 1912 ging es im Hertener Busch zu wie etwa bei einem Fußball Länderspiel. Aus Wanne, Herten, Herne und dem ganzen Kohlenpott strömten riesige Menschenmassen auf den Flugplatz nördlich der Emscher, der soeben fertig gestellt war. Auf der geräumigen Tribüne saßen Honoratioren aus nah und fern in froher Erwartung eines illustren Gastes, den man sich anschickte, untertänigst zu begrüßen. Unter brausenden Jubel betrat die Schwester des Kaisers die Ehrenloge, um dem Tag die Weihe zu geben und das Luftschiff auf ihren Namen zu taufen."

Am 1. Pfingsttag 1912 kam Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen zur Taufe des Parseval Luftschiffes auf dem neuerbauten Flugplatz. Rechts daneben Prinz zu Ratibor und Corvey, damals Oberpräsident von Westfalen, und Amtmann Weiberg, ganz links August von Parseval.

Allein unter der überdachte Tribüne
fanden rund Tausend Zuschauer Platz.

Die Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen
gab dem Parseval Luftschiff ihren Namen.

Das Parseval Luftschiff vor der überdachten
Tribüne im Jahre 1912.

Das schlechte Wetter an diesem Tag, böiger Wind zog auf, machte den Veranstalter einen Strich durch die Rechnung. So konnten viele namhafte Flieger, die als Gäste zu dieser Veranstaltung eingeladen waren, nicht ihre Flugkunst unter Beweis stellen. Auch das Luftschiff auf den Namen "Charlotte" getauft, konnte nicht in die Lüfte steigen.

Am späten Nachmittag brachen dann die königlichen Herrschaften zu einem Festbankett in das Hotel Schmitz nach Herne auf. Gegen Abend, nach eintreten der Dunkelheit wurde zur Feier des Tages ein Feuerwerk abgebrannt. Danach verabschiedeten sich die hohen Herrschaften und fuhren am gleichen Abend zurück nach Nordkirchen.

Am Pfingstmontag zogen abermals Tausende von Schaulustigen über die Recklinghauser Straße zum Flugplatz. Da das Wetter immer noch sehr unbeständig war, spielte in der zwischen Zeit eine Militärkapelle flotte Marschmusik auf. Als das Wetter später aufklarte, zogen die ersten Flieger ihre Fluggeräte aus der Halle und wagten den Start. Plötzlich schrien die Zuschauer auf, es hatte sich ein Unglücksfall ereignet. Der schweizerische Hauptmann Juncker von der Luftverkehrsgesellschaft war bei seinem Startversuch von der "Rollbahn" abgekommen. Die Flugmaschine drehte sich und donnerte mit voller Wucht gegen den Fliegerschuppen. Der Hauptmann kam mit einen großen Schreck und einem Beinbruch davon. Sein Fluggerät wurde nicht allzu schwer beschädigt.

Einen nicht weniger spektakulären Unfall erlebte der Bochumer Flieger Fritz Clauberg. Nachdem sein Motor in 60 Meter Höhe ausgefallen war, setzte er im Gleitflug eine Notlandung an, wobei sein Fluggerät umstürzte. Mit einer schweren Kopfverletzung musste der Bochumer Kunstflieger in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Seine Flugmaschine wurde hierbei vollständig zerstört.

Trotz aller Missstände ging dann am Abend gegen 20 Uhr auch das Luftschiff "Charlotte" an den Start. Von Feuerwehrleuten aus der Ballonhalle gezogen, erhob es sich in einer Höhe von 450 Metern. Die Fahrt ging über den Hertener Busch nach Wanne und Herne zurück zum Heimatflugplatz Wanne-Herten.

Das Parseval`sche Luftschiff machte später auf einem Schauflug ihrem Konstrukteur alle Ehre. Trotz eines schweren Gewitters gelang es ihrer Besatzung, bei einer Denkmalseinweihung in Sodingen den vorgesehenen Kranz aus der Gondel abzuwerfen, obwohl es einem schweren Sturm preisgegeben war und nach Elberfeld abgetrieben wurde. Das Luftschiff kam mit einem "blauen Auge" davon, obwohl es schon bei Baukau einen Brückenpfeiler gestreift hatte. Es landete schließlich durch geschicktes Manövrieren ohne Katastrophe auf dem Heimatflugplatz Wanne-Herten, von Feuerwehrmännern eiligst eingeholt. Auch spätere beteiligte sich das Luftschiff "Charlotte" an mancherlei Eskapaden. So wurde sie mit Asta Nilsen als Star einer der Hauptakteure des Kinostummfilms, mit dem Titel: "Für die Ehre des Vaterlandes", ein damals sehr beliebtes Thema, einer Spionagegeschichte mit einer Love-Story. In diesem Streifen wurde erstmals ein Teil der Handlung mittels Luftschiff zurückgelegt. Als Komparsen beteiligten sich viele Bürger aus den umliegenden Gemeinden des Flugplatzes. (Der lange Zeit verschollene Film, der Drehbuchtitel lautete: S1, wurde über eine Tauschaktion des Münchner und Moskauer Filmmuseums wieder nach Deutschland geholt.)

Der Stummfilmstar Asta Nielsen bestieg am 11. August 1913 in Wanne das Luftschiff Charlotte, für das mimische Schauspiel "S1".
Hierbei handelt es sich um die erste Spielfilmszene in der Filmgeschichte des Ruhrgebiets.

Wie groß die Bedeutung dieses Flugplatzes damals war, bewies die im Juni 1912 gegründete "Erste Rheinisch Westfälische Fliegerschule", in der Flugschüler ausgebildet wurden. Hier befanden sich "drei große Flugzeugschuppen mit je drei Hallen", in denen sich "Rumpler-Taube", Grade-Eindecker und Fokker-Maschinen niedergelassen hatten. Mit der deutschen Fliegerei war es zur dieser Zeit noch nicht allzu rosig bestellt, sie steckte noch in ihren Kinderschuhen, denn nur wenige Deutsche besaßen zu dieser Zeit eine Fluglizenz. Der Unterricht beschränkte sich zunächst auf das Kennen lernen der Flugmaschinen. Drei Flugmaschinen standen den Flugschülern zur Verfügung.



Als Flugprüfer fungierten Direktor Winter aus Herten und Schornsteinfegermeister Julius Friedrich aus Wanne. Für die angehenden Piloten kam es vor allen darauf an, eine exakte "8" zu fliegen. Es sah schon ulkig aus, beschrieb ein Zeitzeuge das Geschehen, wie sie (bei Grade) in ihren "Hängemattensitzen" unter den Flügeln des Eindeckers hingen.










Pilot Georg Hans posiert im Hängemattensitz seines Grade-Eindeckers. Georg Hans war Ursprünglich Bordmaschinist auf einem Parseval-Luftschiff gewesen.

Die erste Rheinisch-Westfälische Fliegerschule im Juni 1912.
Vor dem "Flughanger" steht ein Grad-Eindecker, Baujahr 1909.


Der Pionier der Luftfahrt zu Gast im Emscherbruch. Diese Aufnahme zeigt Hans Grade, (1879-1946, Fluglizenz Nr. 2 von 1910) dem es als erstem Deutschen gelungen war, ein eigenes Motorflugzeug zu bauen.

Die wenigsten Bürger dachten zur dieser Zeit an einem Flugtransport. Dementsprechend war auch der Flugplatz Herten-Wanne eingerichtet. Denn zu diesem Zeitpunkt hatten gerade mal 300 Deutsche eine Fluglizenz. Einer von ihnen war der Bochumer Rudolph Bosenius (Fluglizenz Nr. 183 aus dem Jahre 1912). Nach ihm wurde auch für kurze Zeit der Flugplatz im Emscherbruch benannt, wie der Aufdruck einer Postkarte aus dem Jahre 1913 belegt.

Im Juni 1913 wimmelte der Flugplatz von Schulkindern: Anlass war das silberne Regierungsjubiläum Wilhelms II.. Jedes Kind erhielt ein Glas Limonade und ein Stück Streuselkuchen als Festtagsschmaus auf Kosten des Amtes Wanne.

Ein Überregionales Ereignis erlebte der Flugplatz im Emscherbruch im Juli 1913. Der Franzose Edmond Audemars, der als Erster Pilot die Strecke Paris-Berlin schaffte machte auf dem Rückflug von Berlin nach Paris eine Zwischenlandung auf dem Flugplatz Wanne-Herten.

Der Pionier der Luftfahrt zu Gast im Emscherbruch.
Diese Aufnahme zeigt den Franzose Edmond Audemars
im Juli 1913.


Der Flieger Gregor Hans (Fluglizenz Nr. 373 aus dem Jahre 1913) legte zu Ostern 1914 mit seinem Fluggerät eine Bruchlandung hin. Pilot und Passagiere kamen mit leichten Hautabschürfungen und einem Schreck davon.

Auch der der Holländer Anthony Herman Gerard Fokker (1890-1939) war zu Gast im Emscherbruch, er probierte hier seine neuesten Erfindungen aus. Fokker erwarb am 7. Juni 1911 auf dieser Maschine den Pilotenschein mit der Nr. 88 des Deutschen Luftfahrerverbandes (DLV).

Rudolf Bosenius, geboren am 9. Oktober 1888 in Bochum, Fluglizenz Nr. 183 des Deutschen Luftfahrerverbandes (DLV), ausgestellt am 18. April 1912. Bosenius flog Grade Eindecker.

Wenden wir uns noch einmal den Aufzeichnungen des verstorbenen Heimatfreundes Dietrich Rodenbeck zu, er schreib wie folgt:

"Tausende von Menschen strömen jeden Sonntag hinaus zum Flugplatzgelände. Die Kassen verzeichneten beim Abschluss hohe Einnahmen. Täglich macht die "Charlotte" ihre Flüge über Land. Für drei Goldmark - damals ein stolzer Preis - konnte man an einer Rundfahrt teilnehmen. Und wenn sie dann in der Dunkelheit mit ihren Positionslichtern dem "Hafen" zu strebt, dann war es ein schöner Anblick."

Die Blütezeit des Flugplatzes Wanne-Herten hielt nicht lange an. Während die ersten Reparaturen an dem Luftschiff P.L. 12 von dem Lieferanten in Bitterfeld noch übernommen wurden, lehnte er weitere ab. Der über ein Jahr dauernde Prozess kostete der Flugplatzgesellschaft 45 000 Goldmark. Nicht nur der Prozess wurde verloren, sondern der ganze Sommer ging ohne Veranstaltung dahin, und die ansonst so gefüllten Kassen blieben leer. Auch das Wetter war dem Flugplatz nicht gewogen. Häufig kam es vor, dass bei vollbesetzter Tribüne, von Tausenden von geduldig harrenden Menschen, das Wetter so ungünstig wurde, dass man das Luftschiff "Charlotte" nicht aus der Halle holen konnte.

Mit Rückgang der Zuschauer und steigenden Unkosten schloss die Flugplatzgesellschaft von Jahr zu Jahr mit einem größeren Defiziten ab. Allein das Jahr 1913 mit einem Defizit von 188 000 Goldmark. Die Zeit verrannte ohne Veranstaltung, ohne Einnahmen. Die Kassen blieben leer und der erste Weltkrieg begann. An zivile Luftschifffahrt war nicht mehr zu denken, denn das Parseval-Luftschiff war für einen Kriegseinsatz ungeeignet. Die geldlichen Verpflichtungen an die Gesellschaft wuchsen, der Konkurs war nicht mehr aufzuhalten, dieser wurde am 6. Mai 1916 beschlossen. Zum Konkursverwalter wurde Herr Lafeld aus Gelsenkirchen bestellt.

Der Konkursverwalter hielt in einem Protokoll vom 31. Juli 1916 u.a. fest:

"Inzwischen ist die Hülle des Luftschiffes zum Preise von 15 000 Goldmark verkauft . Vom Luftschiff ist nur noch die Gondel vorhanden. Diese befindet sich im verwahrlosten Zustand und besitzt nach Ansicht eines sachverständigen höchstens Altmaterialwert. Die Luftschiffhalle kann nur nach Abbruch verkauft werden. Auch hier ist nichts gepflegt, die eiserne Konstruktion ist verrostet."

Der Konkurs zog sich bis Mitte der zwanziger Jahre hin. Die Inflation löste später alle Probleme, wem drücken da schon noch einige hunderttausend Mark Schulden.



Turnerinnen auf dem Flugplatz Wanne-Herten zum 5. väterlichen Jugendtag am 24. Juli 1916. Im Hintergrund die Luftschiffhalle.

Bedingt durch das Flugverbot der Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg mussten die Aktivitäten auf dem Flugplatzareal Emscherbruch eingestellt werden. Erst Anfang der 20er Jahre fanden einige Flugenthusiasten eine Lücke im Versailler Friedensvertrag und stiegen nun "ganz legal" mit Segelflugzeugen in den Himmel. Die Wanner Zeitung schrieb hierzu euphorisch:

"Vor dem Krieg sah man sie oft am Himmel, die schwingenweiten Vögel, weiß und leuchtend. Das Wunder des Fluges, dieses schwerelose Steigen, Gleiten, Fallen, offenbarte sich hier in der für die Menschen schönsten Form."

Noch einmal wurde die Erinnerung an den Flugplatz und die Fliegerei im Hertener Busch wach, als am 1. November 1924 die mit Heu und Stroh voll gestopfte Ballonhalle lichterloh brannte und die ausgeglühten Eisenkonstruktionen sich in die Asche senkte.

Unter dem Motto: "Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden", schulte man ab 1940 auf Segelgleiter den Nachwuchs. Allerdings nur für eine kurze Zeit, dann wurde der "Flugbetrieb" im Emscherbruch eingestellt.

Segelgleiter D-10, Aufgenommen im September 1941 im Emscherbruch. Hier prangten schon das Hakenkreuze auf den Leitwerken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Segelflieger für lange Jahre ihre Träume zurücksetzen. Die Siegermächte hatten den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg das Fliegen verboten. Erst im Juni 1951 erlaubt die Alliierten das Segelfliegen wieder.

Dann, im Juni 1952 war es wieder soweit. Hunderte umsäumten an einem sonnigen Sonntag den Flugplatz Emscherbruch, der Schauplatz einer Großveranstaltung war. Der Luftsportclub Wanne-Eickel (die Anfänge des Vereins gehen auf das Jahr 1931 zurück, als Flugbesessene auf dem Flugplatz Emscherbruch beheimatet waren) ließ zum ersten Mal einen Freiluftballon auf.

Das Motorfliegen war den Deutschen erst nach dem Inkrafttreten der Pariser Verträge am 05. Mai 1955 wieder gestattet. Dieser Termin kam zur rechten Zeit. Denn am 26. August 1956 umsäumten abermals Tausende den Flugplatz Emscherbruch. Der Luftsportclub Wanne-Eickel feierte sein 25-jähriges Bestehen und veranstaltete aus diesem Anlass eine Großflugtag. Die Rundschau berichtete wie folgt:

"Tausende umsäumten gestern den Flugplatz Emscherbruch, der Schauplatz eines Großflugtages war, den der Luftsportclub Wanne-Eickel e.V. aus Anlass des 25-jährigen Bestehens veranstaltete. Dank der großzügigen Unterstützung der Herner Luftsportler klappte alles reibungslos. Das Programm rollte wie vorgesehen ab. Die Kunstflüge eines Herbert Tiling oder einer Liesel Bach waren trotz des heftigen Windes - in höchster Vollendung. Segelflüge- und Motorflüge wechselten einander ab. Fallschirmabsprünge gelangen so wie auch die Verbandsflüge des Luftsportclub Wanne-Eickel e.V.. Auch der Kunstflug von Bormann wurde von den Zuschauern heftig beklatscht. Diejenigen Zuschauer, die das Glück hatten, einen Freiflug ergattert zu haben, drehten hinterher selbst eine Runde im Motorflugzeug."

Filmausschnitte aus:
Segelflieger im Emscherbruch
September 1941.
Ballonaufstieg im Emscherbruch
Juni 1952.

Filmausschnitte aus:
25 Jahre Luftsport-Club
Wanne-Eickel
26. August 1956.





Die Segelflugtage im Emscherbruch lockte hunderte
von Zuschauer an. Die Aufnahme entstand 1960.










Foto: Bildarchiv der Stadt Herne

Bis weit in die 60er Jahre hinein existierte noch das ovale Flugfeld, das von Segelfliegern genutzt wurde. Auch die auffällige Eingangsforte und die Tribüne, die zuletzt als umgestaltetes Bauernhaus diente, waren zum teil noch vorhanden.

Das endgültige "Aus" für die Anlage beschied dann der Bau einer Hochspannungsleitung für das Steag-Kraftwerk. Die Industrie machte sich breit (Gewerbegebiet Hoheward), in der unmittelbaren Nachbarschaft des einstigen Flugplatzgeländes befindet sich heute das Rohstoffrückgewinnungs-Zentrum Ruhr (RZW).

Blick von der Hohewardstraße auf das RZW.

Blick von der Halde Hoheward über die Industrie- und
Gewerbeflächen in Richtung der Zeche Pluto Wilhelm.


Zurückblickend auf die Geschichte des Flugplatzes Wanne-Herten kann man den Männern der ersten Stunde um Amtmann Weiberg bestätigen; sie waren Pioniere einer technischen Entwicklung, die wir heute als selbstverständlich betrachten, wenn wir in den Ferienflieger von Düsseldorf nach Mallorca steigen.



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Quellennachweis: Quelle: 50 Jahre Amt Wanne, S. 31 f. Auszug aus Aufzeichnungen von Dietrich Rodenbeck. Wanner Zeitung vom 24. Mai 1912. Wanner Zeitung vom 28. Mai 1912. Rundschau vom 26. August 1956. WAZ vom 15. Juli 1961. Lührig Heinrich: Wanne-Eickel Ausflug in die Vergangenheit, S. 137 ff. WDR vom 13. August 1990. Dokumentarfilm: Astra und Charlotte. Ein Filmstar im Ruhrgebiet. DVD: Mit der Kamera unterwegs 1942-1953. Ein filmischer Streifzug durch die Geschichte, 2007. Interview mit Gisbert Alfing März 2008.
Weitere Infos unter: www.Borkenberge.com sowie: www.lsc-wanneeickel.de
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig.


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